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- Aus
Erfahrung lernen
- Neue
Konzepte für veränderte Realitäten
- Eine
neue angebotsorientierte Agenda für die Linke
- Eine
aktive Arbeitsmarktpolitik für die Linke
- "Politisches
Benchmarking" in Europa
In fast allen
Ländern der Europäischen Union regieren Sozialdemokraten. Die
Sozialdemokratie hat neue Zustimmung gefunden - aber nur, weil sie
glaubwürdig begonnen hat, auf der Basis ihrer alten Werte ihre Zukunftsentwürfe
zu erneuern und ihre Konzepte zu modernisieren. Sie hat neue Zustimmung
auch gewonnen, weil sie nicht nur für soziale Gerechtigkeit, sondern
auch für wirtschaftliche Dynamisierung und für die Freisetzung
von Kreativität und Innovation steht.
Markenzeichen
dafür ist die "Neue Mitte" in Deutschland, der "Dritte Weg" im Vereinigten
Königreich. Andere Sozialdemokraten wählen andere Begriffe,
die zu ihrer eigenen politischen Kultur passen. Mögen Sprache und
Institutionen sich unterscheiden: Die Motivation ist die gleiche. Die
meisten Menschen teilen ihre Weltsicht längst nicht mehr nach dem
Dogma von Links und Rechts ein. Die Sozialdemokraten müssen die Sprache
dieser Menschen sprechen.
Fairneß,
soziale Gerechtigkeit, Freiheit und Chancengleichheit, Solidarität
und Verantwortung für andere: diese Werte sind zeitlos. Die Sozialdemokratie
wird sie nie preisgeben. Um diese Werte für die heutigen Herausforderungen
relevant zu machen, bedarf es realistischer und vorausschauender Politik,
die in der Lage ist, die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts zu
erkennen. Modernisierung der Politik bedeutet nicht, auf Meinungsumfragen
zu reagieren, sondern es bedeutet, sich an objektiv veränderte Bedingungen
anzupassen.
Wir müssen
unsere Politik in einem neuen, auf den heutigen Stand gebrachten wirtschaftlichen
Rahmen betreiben, innerhalb dessen der Staat die Wirtschaft nach Kräften
fördert, sich aber nie als Ersatz für die Wirtschaft betrachtet.
Die Steuerungsfunktion von Märkten muß durch die Politik ergänzt
und verbessert, nicht aber behindert werden. Wir unterstützen eine
Marktwirtschaft, nicht aber eine Marktgesellschaft!
Wir teilen
ein gemeinsames Schicksal in der Europäischen Union. Wir stehen den
gleichen Herausforderungen gegenüber: Arbeitsplätze und Wohlstand
fördern, jedem einzelnen Individuum die Möglichkeit bieten,
seine eigenen Potentiale zu entwickeln, soziale Ausgrenzung und Armut
bekämpfen; materiellen Fortschritt, ökologische Nachhaltigkeit
und unsere Verantwortung für zukünftige Generationen miteinander
vereinbaren; Probleme wie Drogen und Kriminalität, die den Zusammenhalt
unserer Gesellschaften bedrohen, wirksam bekämpfen und Europa zu
einem attraktiven Modell in der Welt machen.
Wir müssen
unsere Politik stärken, indem wir unsere Erfahrungen zwischen Großbritannien
und Deutschland austauschen, aber auch mit den Gleichgesinnten in Europa
und der übrigen Welt. Wir müssen voneinander lernen und uns
an der besten Praxis und Erfahrung in anderen Ländern messen. Mit
diesem Appell wollen wir die anderen sozialdemokratisch geführten
Regierungen Europas, die unsere Modernisierungsziele teilen, einladen,
sich an unserer Diskussion zu beteiligen.
I. Aus Erfahrung
lernen
Obgleich Sozialdemokraten
und Labour Party eindrucksvoll historische Errungenschaften vorweisen
können, müssen wir heute realitätstaugliche Antworten
auf neue Herausforderungen in Gesellschaft und Ökonomie
entwickeln. Dies erfordert Treue zu unseren Werten, aber Bereitschaft
zum Wandel der alten Mittel und traditionellen Instrumente.
In der Vergangenheit wurde
die Förderung der sozialen Gerechtigkeit manchmal mit der Forderung
nach Gleichheit im Ergebnis verwechselt. Letztlich wurde damit die Bedeutung
von eigener Anstrengung und Verantwortung ignoriert und nicht belohnt
und die soziale Demokratie mit Konformität und Mittelmäßigkeit
verbunden statt mit Kreativität, Diversität und herausragender
Leistung. Einseitig wurde die Arbeit immer höher mit Kosten belastet.
Der Weg zur sozialen Gerechtigkeit
war mit immer höheren öffentlichen Ausgaben gepflastert, ohne
Rücksicht auf Ergebnisse oder die Wirkung der hohen Steuerlast
auf Wettbewerbsfähigkeit, Beschäftigung oder private Ausgaben.
Qualitätvolle soziale Dienstleistungen sind ein zentrales Anliegen
der Sozialdemokraten, aber soziale Gerechtigkeit läßt sich
nicht an der Höhe der öffentlichen Ausgaben messen. Der wirkliche
Test für die Gesellschaft ist, wie effizient diese Ausgaben genutzt
werden und inwieweit sie die Menschen in die Lage versetzen, sich selbst
zu helfen.
Die Ansicht, daß
der Staat schädliches Marktversagen korrigieren müsse, führte
allzuoft zur überproportionalen Ausweitung von Verwaltung und Bürokratie,
im Rahmen sozialdemokratischer Politik. Wir haben Werte, die den Bürgern
wichtig sind - wie persönliche Leistung und Erfolg, Unternehmergeist,
Eigenverantwortung und Gemeinsinn - zu häufig zurückgestellt
hinter universelles Sicherungsstreben.
Allzu oft wurden Rechte
höher bewertet als Pflichten. Aber die Verantwortung des einzelnen
in Familie, Nachbarschaft und Gesellschaft kann nicht an den Staat delegiert
werden. Geht der Gedanke der gegenseitigen Verantwortung verloren, so
führt dies zum Verfall des Gemeinsinns, zu mangelnder Verantwortung
gegenüber Nachbarn, zu steigender Kriminalität und Vandalismus
und einer Überlastung des Rechtssystems.
Die Fähigkeit der
nationalen Politik zur Feinsteuerung der Wirtschaft hinsichtlich
der Schaffung von Wachstum und Arbeitsplätzen wurde über-,
die Bedeutung des einzelnen und der Wirtschaft bei der Schaffung von
Wohlstand unterschätzt. Die Schwächen der Märkte wurden
über-, ihre Stärken unterschätzt.
Seitenanfang
II. Neue Konzepte
für veränderte Realitäten
Das Verständnis
dessen, was "links" ist, darf nicht ideologisch einengen.
Die Politik der Neuen Mitte
und des Dritten Weges richtet sich an den Problemen der Menschen aus,
die mit dem raschen Wandel der Gesellschaften leben und zurechtkommen
müssen. In dieser neu entstehenden Welt wollen die Menschen Politiker,
die Fragen ohne ideologische Vorbedingungen angehen und unter Anwendung
ihrer Werte und Prinzipien nach praktischen Lösungen für ihre
Probleme suchen, mit Hilfe aufrichtiger, wohl konstruierter und pragmatischer
Politik. Wähler, die in ihrem täglichen Leben Initiative und
Anpassungsfähigkeit im Hinblick auf die wirtschaftlichen und sozialen
Veränderungen beweisen müssen, erwarten das gleiche von ihren
Regierungen und ihren Politikern.
In einer Welt immer rascherer
Globalisierung und wissenschaftlicher Veränderungen müssen
wir Bedingungen schaffen, in denen bestehende Unternehmen prosperieren
und sich entwickeln und neue Unternehmen entstehen und
wachsen können.
Neue Technologien ziehen
radikale Veränderungen der Arbeit sowie eine Internationalisierung
der Produktion nach sich. Einerseits führen sie dazu, daß
Fertigkeiten verlorengehen und einige Wirtschaftszweige schrumpfen,
andererseits fördern sie die Entstehung neuer
Unternehmen und Tätigkeiten. Daher besteht die wichtigste Aufgabe
der Modernisierung darin, in Humankapital zu investieren, um sowohl
den einzelnen als auch die Unternehmen auf die wissensgestützte
Wirtschaft der Zukunft vorzubereiten.
Ein einziger Arbeitsplatz
fürs ganze Leben ist Vergangenheit. Sozialdemokraten müssen
den wachsenden Anforderungen an die Flexibilität gerecht werden
und gleichzeitig soziale Mindestnormen aufrechterhalten, Familien bei
der Bewältigung des Wandels helfen und Chancen für die eröffnen,
die nicht Schritt halten können.
Wir stehen zunehmend vor
der Herausforderung, umweltpolitische Verantwortung gegenüber künftigen
Generationen mit materiellem Fortschritt für die Breite der Gesellschaft
zu vereinbaren.
Wir müssen Verantwortung für die Umwelt mit einem modernen,
marktwirtschaftlichen Ansatz verbinden. Was den Umweltschutz anbelangt,
so verbrauchen die neuesten Technologien weniger Ressourcen, eröffnen
neue Märkte und schaffen Arbeitsplätze.
Die Höhe der Staatsausgaben
hat trotz einiger Unterschiede mehr oder weniger die Grenzen
der Akzeptanz erreicht. Die notwendige Kürzung der staatlichen
Ausgaben erfordert eine radikale Modernisierung des öffentlichen
Sektors und eine Leistungssteigerung und Strukturreform der öffentlichen
Verwaltung.
Der öffentliche Dienst muß den Bürgern tatsächlich
dienen: Wir werden daher nicht zögern, Effizienz-, Wettbewerbs-
und Leistungsdenken einzuführen.
Die sozialen Sicherungssysteme
müssen sich den Veränderungen in der Lebenserwartung, der
Familienstruktur und der Rolle der Frauen anpassen. Sozialdemokraten
müssen Wege finden, die immer drängenderen Probleme von Kriminalität,
sozialem Zerfall und Drogenmißbrauch zu bekämpfen.
Wir müssen uns an die Spitze stellen, wenn es darum geht, eine
Gesellschaft mit gleichen Rechten und Chancen für Frauen und Männer
zu schaffen.
Armut,
insbesondere unter Familien mit Kindern, bleibt ein zentrales Problem.
Wir brauchen gezielte Maßnahmen für die, die am meisten von
Marginalisierung und sozialer Ausgrenzung bedroht sind.
Die Kriminalität ist
ein zentrales politisches Thema für die moderne Sozialdemokraten:
So verstehen wir Sicherheit auf den Straßen als ein Bürgerrecht.
Und: Eine Politik für
lebenswerte Städte fördert Gemeinsinn, schafft Arbeit und
macht die Wohnviertel sicherer.
All dies erfordert
auch einen modernen Ansatz des Regierens.
Der Staat soll nicht rudern,
sondern steuern, weniger kontrollieren als herausfordern. Problemlösungen
müssen vernetzt werden.
Innerhalb des öffentlichen
Sektors muß es darum gehen, Bürokratie auf allen Ebenen abzubauen,
Leistungsziele zu formulieren, die Qualität öffentlicher Dienste
rigoros zu überwachen und schlechte Leistungen auszumerzen.
Moderne Sozialdemokraten
lösen Probleme, wo sie sich am besten lösen lassen. Einige
Probleme lassen sich jetzt nur noch auf europäischer Ebene lösen.
Andere, wie die jüngsten Finanzkrisen, erfordern eine stärkere
internationale Zusammenarbeit. Im Grundsatz sollte jedoch gelten, daß
Machtbefugnisse an die niedrigstmögliche Ebene delegiert werden.
Wenn die neue
Politik gelingen soll, muß sie eine Aufbruchstimmung und einen neuen
Unternehmergeist auf allen Ebenen der Gesellschaft fördern. Dies
erfordert:
kompetente und gut ausgebildete
Arbeitnehmer, die willens und bereit sind, neue Verantwortung zu übernehmen.
Ein Sozialsystem, das Initiative
und Kreativität fördert und neue Spielräume öffnet;
Ein positives Klima für
unternehmerische Selbständigkeit und Initiative. Kleine Unternehmen
müssen leichter zu gründen sein und überlebensfähiger
werden;
Wir wollen eine Gesellschaft,
die erfolgreiche Unternehmer ebenso positiv bestätigt wie erfolgreiche
Künstler und Fußballspieler und die Kreativität in allen
Lebensbereichen zu schätzen weiß.
Unsere Staaten
haben unterschiedliche Traditionen im Umgang zwischen Staat, Industrie,
Gewerkschaften und gesellschaftlichen Gruppen, aber wir alle teilen die
Überzeugung, daß die traditionellen Konflikte am Arbeitsplatz
überwunden werden müssen.
Dazu gehört
vor allem, die Bereitschaft und die Fähigkeit der Gesellschaft zum
Dialog und zum Konsens wieder neu zu gewinnen und zu stärken. Wir
wollen allen Gruppen ein Angebot unterbreiten, sich in die gemeinsame
Verantwortung für das Gemeinwohl einzubringen.
In Deutschland
hat die neue sozialdemokratische Regierung deshalb sofort nach Amtsantritt
Spitzenvertreter von Politik, Wirtschaft und Gewerkschaften zu einem Bündnis
für Arbeit, Ausbildung und Wettbewerbsfähigkeit um einen Tisch
versammelt.
- Wir möchten wirkliche
Partnerschaft bei der Arbeit, indem die Beschäftigten die Chance
erhalten, die Früchte des Erfolgs mit den Unternehmern zu teilen.
- Wir wollen, daß die
Gewerkschaften in der Modernen Welt verankert bleiben. Wir wollen, daß
sie den einzelnen gegen Willkür schützen und in Kooperation
mit den Arbeitgebern den Wandel gestalten und dauerhaften Wohlstand
schaffen helfen.
- In Europa streben wir -
unter dem Dach eines Europäischen Beschäftigungspaktes - einen
fortlaufenden Dialog mit den Sozialpartnern an. Das befördert den
notwendigen ökonomischen Wandel.
Seitenanfang
III. Eine neue
angebotsorientierte Agenda für die Linke
Europa sieht
sich der Aufgabe gegenüber, den Herausforderungen der Weltwirtschaft
zu begegnen und gleichzeitig den sozialen Zusammenhalt angesichts tatsächlicher
oder subjektiv empfundener Ungewißheit zu wahren. Eine Zunahme der
Beschäftigung und der Beschäftigungschancen ist die beste Garantie
für eine in sich gefestigte Gesellschaft.
Die beiden
vergangenen Jahrzehnte des neoliberalen Laisser-faire sind vorüber.
An ihre Stelle darf jedoch keine Renaissance des "deficit spending" und
massiver staatlicher Intervention im Stile der siebziger Jahre treten.
Eine solche Politik führt heute in die falsche Richtung.
Unsere Volkswirtschaften
und die globalen Wirtschaftsbeziehungen haben einen radikalen Wandel erfahren.
Neue Bedingungen und neue Realitäten erfordern eine Neubewertung
alter Vorstellungen und die Entwicklung neuer Konzepte.
In einem großen
Teil Europas ist die Arbeitslosigkeit viel zu hoch, und ein großer
Teil dieser Arbeitslosigkeit ist strukturell bedingt. Um dieser Herausforderung
begegnen zu können, müssen die europäischen Sozialdemokraten
gemeinsam eine neue angebotsorientierte Agenda für die Linke formulieren
und umsetzen.
Wir wollen
den Sozialstaat modernisieren, nicht abschaffen. Wir wollen neue Wege
der Solidarität und der Verantwortung für andere beschreiten,
ohne die Motive für wirtschaftliche Aktivitäten auf puren Eigennutz
zu gründen.
Die wichtigsten
Elemente dieses Ansatzes sind die folgenden:
- Ein robuster und wettbewerbsfähiger
marktwirtschaftlicher Rahmen
Wettbewerb
auf den Produktmärkten und offener Handel sind von wesentlicher
Bedeutung für die Stimulierung von Produktivität und Wachstum.
Aus diesem Grund sind Rahmenbedingungen, unter denen ein einwandfreies
Spiel der Marktkräfte möglich ist, entscheidend für
wirtschaftlichen Erfolg und eine Vorbedingung für eine erfolgreichere
Beschäftigungspolitik.
- Die EU sollte auch
weiterhin als entschiedene Kraft für die Liberalisierung des
Welthandels eintreten.
- Die EU sollte auf den
Errungenschaften des Binnenmarktes aufbauen, um wirtschaftliche
Rahmenbedingungen zu stärken, die das Produktivitätswachstum
fördern.
- Eine auf die Förderung
nachhaltigen Wachstums ausgerichtete Steuerpolitik
In der
Vergangenheit wurden Sozialdemokraten mit hohen Steuern, insbesondere
Unternehmenssteuern, identifiziert. Moderne Sozialdemokraten erkennen
an, daß Steuerreformen und Steuersenkungen unter den richtigen
Umständen wesentlich dazu beitragen können, ihre übergeordneten
gesellschaftlichen Ziele zu verwirklichen.
So stärken
Körperschaftssteuersenkungen die Rentabilität und schaffen
Investitionsanreize. Höhere Investitionen wiederum erweitern
die Wirtschaftstätigkeit und verstärken das Produktivpotential.
Dies trägt zu einem positiven Dominoeffekt bei, durch den Wachstum
die Ressourcen vermehrt, die für öffentliche Ausgaben für
soziale Zwecke zur Verfügung stehen.
- Die Unternehmensbesteuerung
sollte vereinfacht, und die Körperschaftssteuersätze sollten
gesenkt werden, wie dies New Labour im Vereinigten Königreich
getan hat und wie es die Bundesregierung plant.
- Um sicherzustellen,
daß Arbeit sich lohnt, und um die Fairness des Steuersystems
zu stärken, sollten Familien und Arbeitnehmer entlastet werden,
wie dies in Deutschland (mit dem Steuerentlastungsgesetz) begonnen
wurde - und mit der Einführung niedrigerer Eingangssteuersätze
und dem Steuerkredit für arbeitende Familien in Großbritannien.
- Investitionsneigung
und Investitionskraft der Unternehmen - insbesondere des Mittelstandes
- sollten gestärkt werden, wie dies die sozialdemokratisch
geführte Bundesregierung in Deutschland mit der Unternehmenssteuerreform
beabsichtigt, und wie es die Reform der Kapitaleinkünfte und
der Unternehmenssteuern in Großbritannien zeigt.
- Die Steuerbelastung
von harter Arbeit und Unternehmertum sollte reduziert werden. Die
Steuerbelastung insgesamt sollte neu ausbalanciert werden, zum Beispiel
zu Lasten des Umweltverbrauchs. Deutschland, Großbritannien
und andere sozialdemokratisch regierte Länder Europas gehen
auf diesem Weg voran.
- Auf EU-Ebene sollte
die Steuerpolitik energische Maßnahmen zur Bekämpfung
des unlauteren Wettbewerbs und der Steuerflucht unterstützen.
Dies erfordert bessere Zusammenarbeit, nicht Uniformität. Wir
werden keine Maßnahmen unterstützen, die zu einer höheren
Steuerlast führen und die Wettbewerbsfähigkeit und Arbeitsplätze
in der EU gefährden.
- Angebots- und Nachfragepolitik
gehören zusammen und sind keine Alternativen
In der
Vergangenheit haben Sozialdemokraten oft den Eindruck erweckt, Wachstum
und eine hohe Beschäftigungsquote ließen sich durch eine
erfolgreiche Steuerung der Nachfrage allein erreichen. Moderne Sozialdemokraten
erkennen an, daß eine angebotsorientierte Politik eine zentrale
und komplementäre Rolle zu spielen hat.
In der
heutigen Welt haben die meisten wirtschaftspolitischen Entscheidungen
Auswirkungen sowohl auf Angebot als auch auf Nachfrage.
- Erfolgreiche Programme,
die von der Sozialhilfe in die Beschäftigung führen, steigern
das Einkommen der zuvor Beschäftigungslosen und verbessern
das den Arbeitgebern zur Verfügung stehende Arbeitskräfteangebot.
- Moderne Wirtschaftspolitik
strebt an, die Nettoeinkommen der Beschäftigten zu erhöhen
und zugleich die Kosten der Arbeit für die Arbeitgeber zu senken.
Deshalb hat die Senkung der gesetzlichen Lohnnebenkosten durch strukturelle
Reformen der sozialen Sicherungssysteme und eine zukunftsorientierte,
beschäftigungsfreundliche Steuer- und Abgabenstruktur besondere
Bedeutung.
Ziel sozialdemokratischer
Politik ist es, den Scheinwiderspruch von Angebots- und Nachfragepolitik
zugunsten eines fruchtbaren Miteinanders von mikroökonomischer
Flexibilität und makroökonomischer Stabilität zu überwinden.
Um in
der heutigen Welt ein größeres Wachstum und mehr Arbeitsplätze
zu erreichen, müssen Volkswirtschaften anpassungsfähig sein:
Flexible Märkte sind ein modernes sozialdemokratisches Ziel.
Makroökonomische
Politik verfolgt noch immer einen wesentlichen Zweck: Sie will den
Rahmen für stabiles Wachstum schaffen und extreme
Konjunkturschwankungen vermeiden. Sozialdemokraten müssen aber
erkennen, daß die Schaffung der richtigen makroökonomischen
Bedingungen nicht ausreicht, um Wachstum zu stimulieren und
mehr Arbeitsplätze zu schaffen.
Veränderungen
der Zinssätze oder der Steuerpolitik führen nicht zu verstärkter
Investitionstätigkeit und zu mehr Beschäftigung, wenn nicht
gleichzeitig die Angebotsseite der Wirtschaft anpassungsfähig
genug ist, um zu reagieren. Um die europäische Wirtschaft dynamischer
zu gestalten, müssen wir sie auch flexibler machen.
- Unternehmen müssen
genügend Spielraum haben, um sich die verbesserten Wirtschaftsbedingungen
zunutze zu machen und neue Chancen zu ergreifen: Sie dürfen
nicht durch Regulierungen und Paragraphen erstickt werden.
- Die Produkt-, Kapital-
und Arbeitsmärkte müssen allesamt flexibel sein: Wir dürfen
nicht Rigidität in einem Teil des Wirtschaftssystems mit Offenheit
und Dynamik in einem anderen verbinden.
- Anpassungsfähigkeit
und Flexibilität stehen in der wissensgestützten Dienstleistungsgesellschaft
in Zukunft immer höher im Kurs
Unsere
Volkswirtschaften befinden sich im Übergang von der industriellen
Produktion zur wissensorientierten Dienstleistungsgesellschaft
der Zukunft. Sozialdemokraten müssen die Chance ergreifen, die
dieser wirtschaftlicher Umbruch mit sich bringt. Sie bietet
Europa die Gelegenheit, zu den Vereinigten Staaten aufzuschließen.
Sie eröffnet Millionen Menschen die Chance, neue Arbeitsplätze
zu finden, neue Fähigkeiten zu erlernen, neue Berufe zu ergreifen,
neue Unternehmen zu gründen und zu erweitern - kurzum,
ihre Hoffnung auf eine bessere Zukunft zu verwirklichen.
Sozialdemokraten
müssen aber auch anerkennen, daß sich die Grundvoraussetzungen
für wirtschaftlichen Erfolg verändert haben. Dienstleistungen
kann man nicht auf Lager halten: Der Kunde nutzt sie, wie und wann
er sie braucht - zu unterschiedlichen Tageszeiten, auch
außerhalb der heute als üblich geltenden Arbeitszeit. Das
rasche Vordringen des Informationszeitalters, insbesondere das enorme
Potential des elektronischen Handels, verspricht, die Art, wie wir
einkaufen, lernen, miteinander kommunizieren und uns entspannen, radikal
zu verändern. Rigidität und Überregulierung sind ein
Bremsklotz für die wissensorientierte Dienstleistungsgesellschaft
der Zukunft. Sie ersticken das Innovationspotential, das zur Schaffung
neuen Wachstums und neuer Arbeitsplätze erforderlich ist. Wir
brauchen nicht weniger, sondern mehr Flexibilität.
- Ein aktiver Staat in
einer neuverstandenen Rolle hat einen zentralen Beitrag zur wirtschaftlichen
Entwicklung zu leisten
Moderne
Sozialdemokraten sind keine Laisser-faire-Neoliberalen. Flexible Märkte
müssen mit einer neu definierten Rolle für einen aktiven
Staat kombiniert werden. Erste Priorität muß die Investition
in menschliches und soziales Kapital sein.
Wenn auf
Dauer ein hoher Beschäftigungsstand erreicht werden soll, müssen
Arbeitnehmer auf sich verändernde Anforderungen reagieren. Unsere
Volkswirtschaften leiden an einer erheblichen Diskrepanz zwischen
offenen Stellen, die nicht besetzt werden können (z.B. im Bereich
Informations- und Kommunikationstechnologie), und (dem Mangel an)
angemessen qualifizierten Bewerbern.
Dies bedeutet,
daß Bildung keine "einmalige" Chance sein darf: Zugang und Nutzung
zu Bildungsmöglichkeiten und lebenslanges Lernen stellen
die wichtigste Form der Sicherheit in der modernen Welt dar. Die
Regierungen sind deshalb dafür verantwortlich, einen Rahmen zu
schaffen, der es den einzelnen ermöglicht, ihre Qualifikationen
zu steigern und ihre Fähigkeiten auszuschöpfen. Dies muß
heute für Sozialdemokraten höchste Priorität haben.
Die Ausbildungsqualität
auf allen Ebenen der schulischen Bildung und für jede Art
von Begabung muß gesteigert werden: Wo Probleme bei
Lesen, Schreiben und Rechnen bestehen, müssen diese behoben
werden, da wir ansonsten Menschen zu einem Leben mit niedrigem Einkommen,
Unsicherheit und Arbeitslosigkeit verurteilen.
Wir wollen, daß
jeder Jugendliche die Chance erhält, sich über eine qualifizierte
Berufsausbildung den Weg in die Arbeitswelt zu bahnen. Im Dialog
mit den Arbeitgebern, den Gewerkschaften und anderen müssen
wir sicherstellen, daß Bildungschancen und eine ausreichende
Zahl von Ausbildungsplätzen zur Verfügung gestellt und
die Bedürfnisse der lokalen Arbeitsmärkte gedeckt werden.
In Deutschland unterstützt die Politik dieses Vorhaben mit
einem Sofortprogramm für Arbeit und Ausbildung, das 100.000
Jugendlichen einen neuen Job, eine Lehrstelle oder eine Qualifizierung
vermittelt. In Großbritannien hat das "wefare to work"-Programm
es bereits 95.000 Jugendlichen ermöglicht, Arbeits- und Ausbildungsplätze
zu finden.
Wir müssen die
nachschulische Ausbildung reformieren und ihre Qualität heben
und gleichzeitig Bildungs- und Ausbildungsprogramme modernisieren,
um Anpassungs- und Beschäftigungsfähigkeit im späteren
Leben zu fördern. Dem Staat kommt die besondere Aufgabe zu,
Anreize zur Bildung von Sparkapital zu setzen, um die Kosten
des lebenslangen Lernens bestreiten zu können. Auch soll ein
breiterer Bildungszugang durch die Förderung des Fernunterrichts
geschaffen werden.
Wir sollten sicherstellen,
daß die Ausbildung eine wesentliche Rolle in unseren aktiven
Arbeitsmarktpolitiken für Arbeitslose und die von Arbeitslosigkeit
betroffenen Haushalte spielt.
Eine moderne
und effiziente öffentliche Infrastruktur einschließlich
einer starken Wissenschaftsbasis ist ein wesentliches Merkmal einer
dynamischen arbeitsplätzeschaffenden Wirtschaft. Es ist
wichtig sicherzustellen, daß sich die öffentlichen Ausgaben
in ihrer Zusammensetzung auf diejenigen Tätigkeiten konzentrieren,
die dem Wachstum und der Förderung des notwendigen Strukturwandels
am besten dienen.
- Moderne Sozialdemokraten
müssen die Anwälte des Mittelstands sein
Der Aufbau
eines prosperierenden Mittelstands muß eine wichtige Priorität
für moderne Sozialdemokraten sein. Hier liegt das größte
Potential für neues Wachstum und neue Arbeitsplätze in der
wissensgestützten Gesellschaft der Zukunft.
Menschen unterschiedlichster
Herkunft wollen sich selbständig machen: Seit langem etablierte
und neue Unternehmer, Anwälte, Computerexperten, Ärzte,
Handwerker, Unternehmensberater, Kulturschaffende und Sportler.
Ihnen muß man den Spielraum lassen, wirtschaftliche Initiative
zu entwickeln und neue Geschäftsideen zu kreieren. Sie müssen
zur Risikobereitschaft ermutigt werden. Gleichzeitig muß man
ihre Belastungen verringern. Ihre Märkte und ihr Ehrgeiz dürfen
nicht durch Grenzen behindert werden.
Europas Kapitalmärkte
sollten geöffnet werden, damit Unternehmen und Unternehmer
leichten Zugang zu Finanzierungsquellen erhalten. Wir wollen gemeinsam
daran arbeiten, sicherzustellen daß High-Tech-Firmen im Wachstum
denselben Zugang zu den Kapitalmärkten erhalten wie ihre Konkurrenten.
Wir sollten es dem
einzelnen leicht machen, Unternehmen zu gründen, und neuen
Firmengründungen sollten wir Wege bahnen, indem wir Kleinunternehmen
von administrativen Belastungen befreien und ihren Zugang
zu Finanzierungsmöglichkeiten erweitern. Wir sollten es Kleinunternehmen
im besonderen erleichtern, neues Personal einzustellen: Dies bedeutet,
die Regulierungslast zu verringern und die Lohnnebenkosten zu senken.
Die Verbindungen zwischen
Wirtschaft und Wissenschaft sollten gestärkt werden, um mehr
unternehmerische Nebeneffekte ("spin offs") aus der Forschung und
die Förderung der Konzentration ("clusters") neuer High-Tech-Industrien
zu gewährleisten.
- Gesunde öffentliche
Finanzen sollten zum Gegenstand des Stolzes für Sozialdemokraten
werden
In der
Vergangenheit wurde sozialdemokratische Politik allzu oft assoziiert
mit der Einstellung, daß der beste Weg zur Förderung von
Beschäftigung und Wachstum die Ausdehnung der öffentlichen
Verschuldung zum Zweck höherer öffentlicher Ausgaben sei.
Für uns ist öffentliche Verschuldung nicht generell abzulehnen
- während eines zyklischen Abschwungs kann es Sinn machen, die
automatischen Stabilisatoren arbeiten zu lassen. Und Verschuldung
mit dem Ziel höherer öffentlicher Investitionen, in strikter
Beachtung der "goldenen Regel", kann eine wichtige Rolle
in der Stärkung der Angebotsseite der Ökonomie spielen.
Aber "Defizit
Spending" kann nicht genutzt werden, um strukturelle Schwächen
in der Ökonomie zu beseitigen, die schnelleres Wachstum und höhere
Beschäftigung verhindern. Sozialdemokraten dürfen deshalb
exzessive Staatsverschuldung nicht tolerieren. Wachsende Verschuldung
stellt eine unfaire Belastung kommender Generationen dar. Sie kann
unwillkommene Verteilungseffekte haben. Und schließlich ist
Geld, das zum Schuldendienst eingesetzt werden muß, nicht mehr
für andere Prioritäten verfügbar, einschließlich
höherer Investitionen in Bildung, Ausbildung und Infrastruktur.
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IV. Eine aktive
Arbeitsmarktpolitik für die Linke
Der Staat
muß die Beschäftigung aktiv fördern und nicht nur passiver
Versorger der Opfer wirtschaftlichen Versagens sein.
Menschen,
die nie gearbeitet haben oder schon lange arbeitslos sind, verlieren die
Fertigkeiten, die sie brauchen, um auf dem Arbeitsmarkt konkurrieren zu
können. Langzeitarbeitslosigkeit beeinträchtigt die persönlichen
Lebenschancen auch in anderer Weise und macht die uneingeschränkte
gesellschaftliche Teilhabe schwieriger.
Ein Sozialversicherungssystem,
das die Fähigkeit, Arbeit zu finden, behindert, muß reformiert
werden. Moderne Sozialdemokraten wollen das Sicherheitsnetz aus Ansprüchen
in ein Sprungbrett in die Eigenverantwortung umwandeln.
Für unsere
Gesellschaften besteht der Imperativ der sozialen Gerechtigkeit aus mehr
als der Verteilung von Geld. Unser Ziel ist eine Ausweitung der Chancengleichheit,
unabhängig von Geschlecht, Rasse, Alter oder Behinderung - um sozialen
Ausschluß zu bekämpfen und die Gleichheit zwischen Mann und
Frau sicherzustellen.
Die Menschen
verlangen zu Recht nach hochwertigen Dienstleistungen und Solidarität
für alle, die Hilfe brauchen - aber auch nach Fairneß
gegenüber denen, die das bezahlen. Alle sozialpolitischen Instrumente
müssen Lebenschancen verbessern, Selbsthilfe anregen, Eigenverantwortung
fördern.
Mit diesem
Ziel wird in Deutschland das Gesundheitssystem ebenso wie das System der
Alterssicherung umfassend modernisiert, indem beide auf die Veränderungen
in der Lebenserwartung und die sich verändernden Erwerbsbiographien
eingestellt werden, ohne den Grundsatz der Solidarität dabei preiszugeben.
Derselbe Gedanke stand im Hintergrund bei der Einführung der "Stakeholder
Pensions" und der Reform der Erwerbsunfähigkeitszahlungen in
Großbritannien.
Zeiten der
Arbeitslosigkeit müssen in einer Wirtschaft, in der es den lebenslangen
Arbeitsplatz nicht mehr gibt, eine Chance für Qualifizierung und
persönliche Weiterbildung sein. Teilzeitarbeit und geringfügige
Arbeit sind besser als gar keine Arbeit, denn sie erleichtern den Übergang
von Arbeitslosigkeit in Beschäftigung.
Eine neue
Politik mit dem Ziel, arbeitslosen Menschen Arbeitsplätze und Ausbildung
anzubieten, ist eine sozialdemokratische Priorität - wir
erwarten aber auch, daß jeder die ihm gebotenen Chancen annimmt.
Es reicht
aber nicht, die Menschen mit den Fähigkeiten und Kenntnissen auszurüsten,
die sie brauchen, um erwerbstätig zu werden. Das System der Steuern
und Sozialleistungen muß sicherstellen, daß es im Interesse
der Menschen liegt, zu arbeiten. Ein gestrafftes und modernisiertes Steuer-
und Sozialleistungssystem ist eine wesentliche Komponente der aktiven,
angebotsorientierten Arbeitsmarktpolitik der Linken. Wir müssen:
dafür sorgen, daß
sich Arbeit für den einzelnen und die Familie lohnt. Der größte
Teil des Einkommens muß in den Taschen derer verbleiben, die dafür
gearbeitet haben;
Arbeitgeber durch den gezielten
Einsatz von Subventionen für geringfügige Beschäftigung
und die Verringerung der Steuer- und Sozialabgabenlast auf geringfügige
Beschäftigungsverhältnisse ermutigen, "Einstiegsjobs" in den
Arbeitsmarkt anzubieten. Wir müssen ausloten, wieviel Spielraum
es gibt, die Belastung durch Lohnnebenkosten mit Hilfe von Umweltsteuern
zu senken;
gezielte Programme für
Langzeitarbeitslose und andere Benachteiligte auflegen, um ihnen die
Möglichkeit zu geben, sich unter Beachtung des Grundsatzes, daß
Rechte gleichzeitig auch Pflichten bedingen, wieder in den Arbeitsmarkt
zu integrieren;
alle Leistungsempfänger,
darunter auch Menschen im arbeitsfähigen Alter, die Erwerbsunfähigkeitsleistungen
beziehen, auf ihre Fähigkeit überprüfen, ihren Lebensunterhalt
zu verdienen, und die staatlichen Stellen so reformieren, daß
sie Arbeitsfähige dabei unterstützen, eine geeignete Beschäftigung
zu finden.
Unternehmergeist und Geschäftsgründungen
als gangbaren Weg aus der Arbeitslosigkeit unterstützen. Solche
Entscheidungen bringen erhebliche Risiken für diejenigen mit sich,
die einen solchen Schritt wagen. Wir müssen diese Menschen unterstützen,
indem wir diese Risiken kalkulierbar machen.
Die neue angebotsorientierte
Agenda der Linken wird den Strukturwandel beschleunigen. Sie wird es aber
auch leichter machen, mit ihm zu leben und ihn zu gestalten.
Anpassung
an den Wandel ist nie einfach, und der Wandel scheint sich schneller zu
vollziehen als je zuvor, nicht zuletzt aufgrund der Auswirkungen neuer
Technologien. Der Wandel vernichtet unweigerlich Arbeitsplätze, aber
er schafft auch neue.
Zwischen dem
Verlust von Arbeitsplätzen in einem Sektor und der Schaffung von
neuen Arbeitsplätzen anderswo können jedoch zeitliche Lücken
entstehen. Was immer der langfristige Nutzen für Volkswirtschaften
und Lebensstandard sein mag, in einigen Wirtschaftszweigen und bei einigen
Gruppen werden sich die Kosten vor dem Nutzen einstellen. Daher müssen
wir unsere Bemühungen darauf konzentrieren, Probleme des Übergangs
abzufedern. Die unerwünschten Auswirkungen des Wandels werden
um so stärker ausfallen, je länger man sich diesem Wandel widersetzt,
aber es wäre Wunschdenken, sie leugnen zu wollen.
Je reibungsloser
der Arbeitsmarkt und die Produktmärkte funktionieren, desto leichter
wird die Anpassung gelingen. Beschäftigungshindernisse in Sektoren
mit relativ niedriger Produktivität müssen verringert werden,
wenn Arbeitnehmer, die von den mit jedem Strukturwandel einhergehenden
Produktivitätszuwächsen verdrängt wurden, anderswo Arbeit
finden sollen. Der Arbeitsmarkt braucht einen Sektor mit niedrigen Löhnen,
um gering Qualifizierten Arbeitsplätze verfügbar zu machen.
Die öffentliche
Hand kann durch die gezielte Entlastung niedriger Einkommen von Sozialabgaben
neue Erwerbschancen schaffen und so gleichzeitig Unterstützungsleistungen
für Arbeitslose sparen. Reformierte Arbeitsmarktpolitiken müssen
verdrängte Arbeitnehmer durch Umschulung, die gezielte Rückführung
aus der sozialen Abhängigkeit in Erwerbstätigkeit sowie Maßnahmen,
durch die sich Arbeit wieder lohnen soll, an diese neuen Beschäftigungsmöglichkeiten
heranführen.
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V. "Politisches
Benchmarking" in Europa
Die Herausforderung
besteht in der Formulierung und Umsetzung einer neuen sozialdemokratischen
Politik in Europa. Wir reden nicht einem einheitlichen europäischen
Modell das Wort, geschweige denn der Umwandlung der Europäischen
Union in einen "Superstaat". Wir sind für Europa und für
Reformen in Europa.
Die Menschen
unterstützen weitere Integrationsschritte, wenn damit ein wirklicher
"Mehrwert" einhergeht und sie klar begründet werden können,
wie der Kampf gegen Kriminalität und Umweltzerstörung sowie
die Förderung gemeinsamer Ziele in der Sozial- und Arbeitsmarktpolitik.
Aber gleichzeitig bedarf Europa dringend der Reformen - effizientere
und transparentere Institutionen, eine Reform veralteter Politiken und
die energische Bekämpfung von Verschwendung und Betrug.
Wir stellen
unsere Ideen als einen Entwurf vor, nicht als abgeschlossenes Programm.
Die Politik der Neuen Mitte und des Dritten Weges ist bereits Realität,
in vielen Kommunen, in reformierten nationalen Politiken, in der europäischen
Kooperation und in neuen internationalen Initiativen.
Deshalb haben
die deutsche und die britische Regierung beschlossen, den bestehenden
Meinungsaustausch über die Entwicklung von Politik in einen umfassenderen
Ansatz einzubetten. Wir schlagen vor, dies auf dreierlei Weise zu tun:
es soll eine Reihe von
Ministerbegegnungen geben, begleitet von häufigen Kontakten ihrer
engsten Mitarbeiter.
Zweitens werden wir die
Diskussion mit den politischen Führungspersönlichkeiten anderer
europäischer Staaten suchen, die mit uns - in ihrem jeweiligen
innerstaatlichen Kontext - die Sozialdemokratie modernisieren wollen.
Damit beginnen wir jetzt.
Drittens werden wir ein
Netzwerk von Fachleuten, Vor-Denkern, politischen Foren und
Diskussionsrunden einrichten. So vertiefen wir das Konzept der Neuen
Mitte und des Dritten Weges und entwickeln es ständig weiter. Das
hat für uns Priorität.
Ziel dieser
Erklärung ist es, einen Anstoß zur Modernisierung zu geben.
Wir laden alle Sozialdemokraten in Europa dazu ein, diese historische
Chance zur Erneuerung nicht verstreichen zu lassen. Die Vielfalt unserer
Ideen ist unser größtes Kapital für die Zukunft. Unsere
Gesellschaften erwarten, daß wir unsere vielfältigen Erfahrungen
zu einem neuen Konzept bündeln.
Laßt
uns zusammen am Erfolg der Sozialdemokratie für das neue Jahrhundert
bauen. Laßt die Politik des Dritten Weges und der Neuen Mitte Europas
neue Hoffnung sein.
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